Die Theaterstücke sind auf Anfrage verfügbar


Der Aufbruch Phineus

Der blinde Phineus kann die Zukunft sehen. In der Hoffnung, Erlösung von der Blindheit zu erlangen, verfällt er dem Abenteurer Jason. Phineus wird ein Opfer Jasons. Die letzten Szenarien der DDR schließen sich mit diesem Fatalismus kurz: Man kann sich nicht mehr ertragen, oder, man wird Opfer einer neuen Macht, obwohl man das hätte erkennen müssen.

© Drei Masken Verlag
Textpassage


Besatzung Rom

Aeneas steht im Auftrag des Vaters für viele Verluste. Die Ahnen zu finden, diese Odyssee, die mit der Gründung Roms endet, geht parallel mit Krieg und dem Verlust an der Frau. 
Der Versuch, die Fehler zu korrigieren, setzt sich mit dem Sozialismus fort, scheitert und endet mit ihm.

Der Versuch sich an den eigenen Haaren auf die Insel zu ziehen
Ist gescheitert am ROMSEIN IM WIDERSPRUCH ZU ROM.

© Drei Masken Verlag
Textpassage


Tschako

Kassandra, Kriegsbeute Agamemnons, nennt seine Verbrechen und die seines Geschlechts beim Namen, spricht vom künftigen Mord, der sie beide ereilen wird, ohne Agamemnons Ohr zu erreichen.

Eine Mutter berichtet von ihrem Mann, den sie einst liebte, der sie dann als Diktator befehligte, schlug, vergewaltigte.

Aus diesen beiden Geburtsszenen erwächst TSCHAKO, der Liebe nur mit Tod verbinden kann, ohne zu erkennen, warum es in ihm mordet. Um zu leben, kann er die Tatsache, dass er ist wie er ist, nur annehmen und wird zum Mörder. Tschako muss mit seiner brutalen Sehnsucht in Verstecke kriechen. 

© Drei Masken Verlag
Textpassage


Die Verwandlung

Ein Stasioffizier bewirbt sich nach dem Zusammenbruch seines Staates, seiner sozialistischen Welt als Immobilienmakler, In seiner ehemaligen sozialistischen Heimat steht er von da an „in Kauf und Verkauf“ von Häusern und Grundstücken. Er trifft auf einen Bauern, der sein Land verkaufen will. Und beide, der Bauer und der Immobilienmakler, glauben sich zu kennen aber sie wissen nicht woher - sie kommen einfach nicht drauf. 

Die Vergangenheit zieht in der neuen Gegenwart ihre Kreise. Nach dem Vertragsabschluss – der Bauer hat sein Land verkauft, der Immobilienmakler das größte Geschäft seiner jungen Kapitalismusära gemacht – gehen beide in ein Restaurant. Ihre alte Zeit schlägt auf sie ein und der Bauer beginnt zu erzählen: „ich weiß jetzt woher ich sie kenn ...“

 

Titus und ein alter Kommunist rahmen diese Handlung ein.

© Drei Masken Verlag
Textpassage


Der Luxus der Kannibalen

Der Ort ist eine Symbiose aus Rokoko und Gegenwart. Der Raum einer vergangenen großen Liebe. Die Marquise, eine ältere Frau, sitzt in ihrem Schlafzimmer und beginnt ihr einsames Gespräch.

Was war es, Faublas, daß 
Sie mich verlassen mußten? Überdruß? 
................
Sie, mein größtes 
Leid, das meine Liebe war, durchziehen immer noch die 
Vorhänge an meinem Bett, reißen an meinen Träumen, las-
sen mich die Wände küssen, an denen immer noch Ihr Atem 
klebt. Sie gehen in mir umher, Faublas.

Aus den Gedanken der Marquise dringt Faublas in ihr Heute ein. Was entsteht, ist ein bissiger Dialog zweier lebender Gespenster und was kommt, ist ein unerwarteter Ausgang mit irreparabelen Folgen.

© Drei Masken Verlag
Textpassage



kann sein kann nicht

Ein Mann wartet in einer überladenen und verkramten Wohnung auf seinen verschwundenen Freund. Geister warten mit ihm, leben auf und zerfallen zu Handtüchern, Decken, Zeitungsbergen, verschwinden im Schrank oder in der Zimmerdecke. Ein Schrankmann und ein Fernsehmann gehen unerkannt an ihm vorbei eigene Wege. Der Mann, der auf seinen verschwundenen Freund wartet, wird der verschwundene Freund. Was der Mann zuvor über den verschollenen Freund sagte, erzählt er nun von sich. Alles geht von vorn noch einmal anders los. Doch, als wenn das nicht reichen würde, verschiebt sich alles erneut: der Wartende wird zu Mann und Freund in einer Person. Doch auch das hilft nicht weiter. Das Warten zerfällt zu einem Zeitungsberg und der Aktive, ist es der Fernsehmann?, ist es der Schrankmann?, kommt in dieser Wohnung an, ohne zu wissen woher und warum.

© Detlef Schulze
Textpassage


Malte und Wega

Malte und Wega, ein älteres Paar, das am Ende seines Lebens steht, wohnen in einem Haus, das lediglich die Erinnerung an ein Haus zulässt. Die Umwelt ist im fortwährenden Wechsel. Erst ist es eine Wüste, dann eine delirium-grüne Landschaft und dann ein Ozean. Das ist egal. Dieses Paar ist daran nicht interessiert. Wenn sie ihre Umgebung wahrnehmen, wird sie absorbiert, um den Dialog des Lebens aufrecht zu erhalten.

Das Stück beginnt im Nichts und endet mit der Betrachtung einer Straßenlaterne.

© Detlef Schulze
Textpassage


Textpassagen


Der Aufbruch Phineus

 

Kleopatra:

Ich war die Frau des Phineus. Königin von
Salmydessos am Schwarzen Meer ein Jahrtausend
Vor der Zeit. Neben Phineus stand ich zwei
Jahrzehnte die Schlachten der Tage durch.
..............
Als Phineus geschlagen wurde in meiner Zeit
Vom obersten Gott zur Blindheit so schwer
Daß seine Augen in seinem Gesicht bluteten
Ging er nicht einen Schritt aus seiner Aufgabe.
Die Zukunft konnte ihm kein Gott entreißen
Aber blutend stand er wie ein Narr und rechnete
Mit Worten die Schlachten der nächsten Gene-
Rationen auf: Im Gleichschritt der Geschichte
Von Sieg zu Niederlage und rückwärts nochmal
Das gleiche. Da stand er und ließ das faule
Obst über sich ergehen das das Volk auf ihn
Warf denn es hatte Angst vor den blutenden
Augen des Phineus. Und das Volk wurde des
Werfens nicht müde bis sich Phineus seinem
Blick entzog. Er schleppte sich in die eigenen
Vier Wände. Von nun an stinkend nach Einsamkeit.

 

Der Aufbruch 1
Die Straße

DDR Frau

Ich stand am Fenster. Im Nacken den Atem
Des Mannes. Im Auge die Straße auf der das Volk
Ein Strom war. Neunundachtzig im Monat November.
Der Mann in meinem Nacken war zehn Jahre Ehe alt
Und hatte eine Stimme aus der Steinzeit:

Ehemann

Komm Frau. Wir gehen. Wir müßen jetzt gehen.
Alle tun es. Der Tag ist angebrochen an dem wir
Auflisten unsre Forderung um einzuklagen unsre
Tage die sie uns nahmen vierzig Jahre. Denn es 
Muß vorwärts gehen.

DDR Frau

Was meint er? Vorwärts gehen. Einreihen in
Den Strom da unten. Immer hast du dein Maul
Gehalten. Immer ein andrer. Aus Angst vor den
Geistern der Stasi. Und jetzt drückt der Geist
Da unten. Wer nicht mitmacht ist ein Feigling.
Oder was?
Dachte ich über ihn. Und sprach es nicht aus.
Selber eine feige Frau: Die Köchin Die Mutter.
..................


Besatzung Rom

 

Der große Wurf

Der Himmel ist Auge. Die Landschaft in Trümmer und Aufbau. Die Hütte im Hochhaus und umgekehrt. Mit jedem Wechsel die Erneuerung der Maschine. Die Kontinuität Sein im Spiegelbild der Mode.


Ich bin Rom. Die achtzitzige Wölfin. Die Mauern
Meiner ersten Festung nun Ruinen aber mein 
Geist dreitausend Jahre jung. Heute gehört
Mir Rom morgen die ganze Welt. Ein Satz von
Gestern. Ich bin aufwärts gestiegen. Europa
Amerika. Jede Ratte heißt Rom. Denken Essen
Scheißen. Alles Rom. Wer leben will muß Römer
Sein. Ich Himmel und Erde. Die Ablösung der
Götter ich. Das größte Schlachtschiff. Aus
Der Niederlage Troja geboren war mein erstes 
Wort Rache. Das zweite Terror. Die Erziehung
An diesen Waffen bin ich. Aeneas mein Zeuger.

Aeneas

Ich bin Aeneas. Was willst du.

Deine Stimme Vater

Die Toten leben noch.

Aeneas

Hier steh ich Dido. Dein Schatten ein
Schleier um meinen Blick

Sagst Dido du zu mir. Geliebte also wo ich
Deine Tochter bin. Die Zitzen werden weich
Mir vor lauter Wollust. Und die Milch tropft
Geil die Erde naß.

Aeneas

Halts Maul Medusenbrut. Du größter Fehler
Meines Fleisches. Sprich von Liebe nicht
Wenn Mord an deinen Zähnen klebt und Mars
In deinen Adern wohnt. Der Eros ist die
Nacht dir. Deine Ideen gehen im Krieg 
Spazieren und säen auf dem Schlachtfeld
Neue Brut. Die verseuchte Welt ist deine.
So halt das Maul wenn ich von Dingen 
Sprech die fern von deinen Ernten blühn.
...............


Tschako

 

SELBSTERKENNTNIS I

Namenstag

Zwischen Wald und Stadt TSCHAKO. Der Weg ins eigene Haus ein steiniger in der Erinnerung an die Freiheit.

TSCHAKO

Sommer achtzig. Meine Träume in die Wirklichkeit
Gesetzt stand ich am Rand der Stadt Odessa
Im Rücken eine Leiche und den Wald in dem
Sie lag. Das Rauschen der Bäume und das Schreien
Der Frau noch im Gehör tanzten die ersten Häuser
Vor meinen Augen auf und ab. Ein Tag war das
Ich weiss nicht wie Neugeboren ich. Und wenn
Geburt mit solchem Glück ins Kind einzieht
Dann ists ein guter Akt einen Menschen zu
Entlassen hier in diese Welt.
Und ein starker Sommer wars in diesem Jahr.
Alles roch nach Veränderung. Noch hatt ich
Keinen Namen obwohl fast vier Jahrzehnte ich
Ihn trug. Wer nicht lebt wie er es will bleibt
Namenlos. Jetzt aber beginnen meine Jahre.
Tschako ich.
Und als an diesem Tag ich meine Träume in mein 
Leben schlug War neben aller Freude Angst in mir 
Denn ich wusste: Der grösste Irrtum hier ist es
Einem Lebenden seine Kraft zu stehlen Mit der 
Er Schritt um Schritt den Weg sich setzt bis an
Den letzten Stein. Da stand ich Wissend Mein
Wunsch Die Liebe mit dem Tod zu paaren Ist ein
Verbrechen vor dem Gesetz Und Wer es übertritt
Steht selbst bald vor dem Henker Dem letzten 
Dienstherrn dieser Welt.
Ich dachte nach ob Spuren ich am Opfer meiner
Taufe hinterlassen hab Ging alle Kleinigkeiten
Durch Alle Gänge vor dem Akt Sah die Frau wieder
Wie sie sich in meinen Arm hängend auf einen
Schönen Beischlaf eingerichtet hatt: Im Wald
Weich die Beine spreizend auf dem Moos Um
Mein Glück zu spüren ganz in ihrer feuchten 
Zweisamkeit. Und mit jedem Schritt tiefer in
Den Wald nahm ihr Beben der Erwartung zu Und
War schon nass wie Moos bevor sie darauf lag.
Und ich Mein Herz schlug in den Himmel Das ist
Ein besondrer Gang heut hell am Tag, drückte
Fest den Unterleib der Frau an meinen Spürte
Ihre Wölbung und mein Glied wachsen an dem
Widerstand Riss sie tiefer ins Gehölz und warf
Sie nieder. Da lag mein Verlangen Unten sie
Oben ich Die Macht kam über mich ihr den Mann
in mir endlich zu beweisen Und Ich sah meine
Träume brechen diesen Tag Sah Wie lange schon
Auf diesen Augenblick ich zugelebt im Stand
Gewesen war Wie aus meinen Visionen längst 
Der Drang erwachsen war Endlich das zu tun
Was ich dann tat. Ich warf mich auf die Frau
Hielt den Mund ihr zu Rieb und rieb mich an
Ihrem Leib Ihrem Widerspruch Ohne das zu vollziehn
Wonach ihr war: Mein Glied zu spürn im eignen
Leib. Und Ich rieb und rieb mich bis es mir kam
Und der Druck in mir sich nass in meine Hose 
Stürzte So dass erleichtert ich wieder meinen
Normalen Atem fand. Doch dann kam sie Aber
Nicht vor Glück sondern mit Hass Gebündelt hart
In Worte Die sie auf mich schrie:

FRAU EINS

Was für ein Kerl bis du, der den Samen sich
In die Hose giesst Ohne Voll gehemmt Seine
Männlichkeit mit Frau zu paaren Damit beide
Im Rausch für Momente untergehn. Gehemmt
Blockiert bist du. Nimmst die Frau dir als
Unterlage mit Gewalt um zu ergiessen deinen
Druck voll Scham in dich selbst.

TSCHAKO

Ich sah wie ihr Gesicht zu Hässlichkeit verkrampfte
Hielt den Mund ihr zu Schlug auf sie ein Bis
Stille sie besetzte. Nicht mit mir du Hure
Schrie ich Treibst du dieses Spiel Ich bin
Ohne Schuld und hab für dich nichts einzutreiben.
Was du mir vorhältst ist Lüge bis ins letzte
Mass. Nimm an mich wie ich bin oder halt dein
Werk von Mund das nur Ausschutt produziert Oder
Besser noch: Schliess es für immer Damit du der
Welt der Frau nicht sagen kannst wie ich dir
Begegnet bin Und ihr am Ende Lachen nur noch
Habt für mich. Und dann zum ersten Mal vollzog
Ich nach dem Akt die Tat: Zog das Messer Stiess
Es in ihren Leib Stach durch Fleisch und Knochen
Dämpfte ihre Schreie mit der Hand Hielt zurück
Mit aller Macht ihre Wehr Stach und stach in sie
Ein Bis die Kraft aus ihren Adern floh und das
Leben nicht mehr war. Da lag sie Still und
Friedlich.


Die Verwandlung


 

II      METAMORPHOSE EINES MENSCHEN ZUM MENSCH

Die Bewerbung

Sommer zweiundneunzig. Ostdeutschland ein Dreiteil
Jetzt der Bundesrepublik. Der Sieger boxt seine Gesetze
Durch. Erst die des Marktes, dann die Rechte die dazu
Gehörn. Ich hab keine Arbeit mehr. Mein Dienstherr
Wurd gestürzt. Das Ministerium in dem ich war ist 
Der Verleumdung ausgesetzt. Jeder wirft den Stein.
Und ich, Offizier der Staatssicherheit, kriech wie ein
Verschreckter Hund umher, damit ich ungelyncht die
Tage übersteh. Wer war ich. Ein Mensch der im Dienst
Seines Staates stand, und das mit ganzer Überzeugung.
Dein Geheimdienst war ein Verbrecherbund, hör ich
Meine Gegner sagen. Verbrecher. Was meinen die.
Und wenn das stimmt, welcher Geheimdienst hat kein
Dreck am Stecken. Glaubt ihr der im andern Deutsch
Land hat nur Priesterseminare abgehalten. Oder was.
Wer seinen Staat von innen nach außen und umgekehrt
Noch einmal schützt, geht alle Wege. Der Feind muß 
Seine Feinde kennen, sonst bleibt der Staat eine Rechnung 
Ohne Summe. Der eine schützt sich vor dem anderen. 
Nur, daß ich heut auf der Verliererseite geh und die 
Archive meines Lebens allen offen stehn. Doch die Riegel, 
Die der Feind vor seinen Giftkammern fest verschlossen
Hielt, wie wir, sind es immer noch. Der läßt sich auch
Heut nicht in die Karten sehn. Der Sieger hat alle Rechte, 
Und das auf Schweigen auch. Dagegen komm ich nicht 
An. Und wenn er meinen Staat zerreißt, meine Arbeit, 
Mich, so muß ich doch in seiner Landschaft wieder 
Ans Erwerben gehn, damit ich leben kann. Und Erwerb. 
Ganz Ostdeutschland ist eine Wüste. Die Arbeiter reißen 
Ihre Fabriken ein, um dann in Arbeitsämtern anzustehn. 
Eine Zeit ist das. Arbeitsamt, sowas kannt ich nicht und 
Für ein ganzes Volk war das ein Fremdwort. Jetzt können 
Sies buchstabieren. Der Kapitalismus ist einmarschiert. 
Ich muß zusehn wie ich weiterkomm. Ich hab mich 
Beworben. Immobilien. Eine Firma die in Kauf und 
Verkauf von Land und Häusern steht. Meine Reputation 
Ist nicht schlecht solange das vergangne Leben stimmt. 
Ich bin qualifiziert. Ich kenn mein Land, sprech den Dialekt
Des Ostens und gehör zur intellektuellen Schicht. Und
Wenn sowieso eine ganze Volkswirtschaft samt Industrie
Im Ausverkauf verscherbelt wird, warum soll ich nicht
Hier und dort ein Geschäft draus schlagen. Moral zählt
Doch nicht. Die Zeit ist eine Mischung aus Mensch und
Geld. Eins bedingt das andere, ist eine Einheit, ein Zwei-
Gesicht: Das Menschgeld oder der Geldmensch ist die 
Devise. Und ich bin nur einer, der ein Leben hat. Jetzt 
Und hier muß ich die Tage überstehn. Diese Zeit ist eine 
Andere. Doch Geld war auch im Osten wichtig. Beim 
Ministerium stand ich in Brot, ich sags ehrlich, aus 
Überzeugung und dem Gehalt. Wer nichts verdient
Kann sich was denn leisten. Und als ich nach dem Fall 
Der Mauer heimlich mir den Westteil Berlins besah, 
Denn mein Brotherr in der Normannenstraße durfts nicht 
Wissen, da dacht ich: Das ist eine Welt für sich. Überall 
In Farbe Worte, die für eine Ware sprechen. Werbung bis 
Zum Horizont. Im Bunt und frisch lachte die Leiche des 
Kapitals mich an. Und zum ersten Mal Genossen Marx und 
Lenin begann ich euch anzuzweifeln. So sieht doch ein 
Gespenst nicht aus. Was habt ihr gesehn. Oder taugen 
Meine Augen nicht. Der Westen hat doch alles. Was du 
Willst das gibt er dir. Geld vorausgesetzt. Im Osten war der 
Tag doch eine Schlange, in der man sich für eine Ware die 
Beine in die Hälse stand. Ein großes Manko war die DDR. 
Es gab immer das was man nicht brauchte. Und als ich im 
Westen das Arsenal an Angeboten sah, dacht ich: Warum 
Haben wir das nicht geschafft. Lags am Sozialismus: Wer 
Keine Nöte kennt wird faul. Alles gehört allen und irgend
Wann macht man nichts mehr. Ich, im Angesicht des Über
Flusses, sah mit einemmal, daß der Ostblock am Ende
War. Mit dem Kapitalismus halten wir nicht mit. So wie
In den Schulungen des MarxismusLeninismus immer
Wieder propagiert: Der Westen rüstet sich tot, der kann 
Bald seine Armeen nicht mehr bezahlen, wir aber stehen 
Mit einer ganzen Volkswirtschaft hinter unsrer Rüstungs-
Industrie und werden ökonomisch doch schon siegen, so 
Genossen ist es nicht. Ihr hättet uns zur Schulung in den 
Westen schicken müssen, damit wir seine Schaufenster 
Studiern. Dann hätten wir ihn erkannt, den Feind, und 
Vielleicht wär uns dann was Bessres eingefallen. Oder 
Hattet ihr Angst, daß wir im Angesicht des Feindes
Kapituliern, die Waffen strecken und der Sozialismus
Am Anfang schon zu Ende wär. Ihr habt eine Chance
Vertan. Egal. Das ist Steinzeit. Ich bin hier. Bewerbung
In Immobilien. Meine Vergangenheit geht der neuen
Firma einen Scheißdreck an. Ich wickel mich in Lügen:
Parteilos, Ingenieur undsoweiter. Meine Papiere stimmen.
Geld ist alles. Ich brauch den Job. Und dann stand ich
Vor dem Haus der Firma: Kurfürstendamm. Auf den
Treppen ein roter Teppich und in Gold jedes Geländer.
Ich nahm die Stufen: So präsentiert sich eine Firma.
Von der hätt der ganze Osten allein an diesem Treppen
Haus schon lernen können .........................

 

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Der Luxus der Kannibalen


 

Die Marquise

Faublas

Wir ertrinken doch nicht etwa in Erinnerungen, mein Lieber?

Sie wissen wie ich, Vergangenheit ist der gegenwärtige Tod. Manchmal aber, Madame, kommt dieser Leichnam so stark ins Heute, daß man aufpassen muß, nicht an ihm zu sterben. Doch wir haben uns ja weiterentwickelt.

Die Marquise

Aber mir war eben, als wären Sie der von einst.

Fabulas

Ändert man sich, Marquise?

Die Marquise

Man wird geändert. Die Zustände, durch die man gehen muß, fordern so sehr, daß oft nicht zu entscheiden ist, ob man im Zustand oder bei sich ist. Und je mehr sich das mischt, desto weniger wird klar, ob ich die Welt oder die Welt mich macht. Wir sind ein Cocktail, Faublas, in verschiedenen Gläsern.

 

Fabulas

Obwohl wir gerade darüber sprachen, vom Glas wieder in die Flasche gekommen zu sein: Durch Liebe.

Die Marquise

Liebe. Reden Sie mir nicht von diesem Gespenst. Ich bin in die Jahre gekommen. Liebe ist ein Rausch, der, nur mit Jugend und Gesundheit gepaart, zur Halluzination wird. Die Droge Liebe ist ein frühes Ereignis der Menschheit. Das trifft für mich nicht mehr zu. Mein Abschied klopft bald ans Tor.

Fabulas

Weil Sie nur noch auf seinen Schlag warten. Sie nehmen sich Ihre letzte Zeit, Madame. Welch eine Verschwendung.

Die Marquise

Was bleibt mir?

Fabulas

Bleiben! Sie sind was Sie waren. Hatten Sie nichts Bleibendes, einen Charakter, ein Geschäft mit sich, dann sind Sie nur eine Existenz aus verschiedenen Zuständen, die mal so, mal anders aussehen. Darin vegetieren Sie jetzt, suhlen sich in Ihren Erinnerungen und warten auf das Klopfzeichen. Jetzt erst sehe ich es: Sie sind nur ein Subjekt aus Eigenschaften.

Die Marquise

An Ihren Worten klebt Mord.

Fabulas

Ich habe Sie nur seziert, Madame.

Die Marquise

Da wir gerade über uns reden, Faublas. Wo hat Ihr Trieb Sie in den letzten Jahren, in denen wir nichts miteinander zu schaffen hatten, hingeführt? Sie folgen doch immer noch Ihrem Trieb?

Fabulas

Sie werden intim.

Die Marquise

Waren es viele Frauen?

Fabulas

Was sagen schon Zahlen.

Die Marquise

Ein Ergebnis.

Fabulas

Seit wann beschäftigen Sie sich mit Arithmetik?

Die Marquise

Haben Sie eine geliebt, Faublas?

Fabulas

Ich hatte zu jeder ein Gefühl.

Die Marquise

Welches?

Fabulas

Ich wußte immer die Frauen, die ich haben wollte, zu bedienen. Ich spielte Ihnen Ihre Vorlieben auch als meine vor. Ich habe mit Ihren Gefühlen gefühlt. Das ist alles. Und wenn ich satt war, dann brauchte ich mich nur von Ihren Gefühlen, die nicht meine waren, zu trennen. Ich habe nie an einer Frau gelitten.

Die Marquise

Dann spreche ich mit einem Tier. Ein Mensch, der soweit in einen anderen kriecht, um wie dieser zu sein, ist eine Kreatur aus vielen Farben, ein Chamäleon. Sie wechseln Ihr Wesen nach dem Bedarf des Weibes, das Sie besitzen wollen. Was hurt da in Ihnen, daß Sie so sind?

Fabulas

Es geht mir vortrefflich damit, Madame. Im Gegensatz zu Ihnen, weiß ich nicht was Leid ist. Ich bin ein Werkzeug, das Material bearbeitet. Das ist alles.

Die Marquise

Sie sind ein Reizorgan auf zwei Beinen, Faublas. Eine einzige Reaktion Ihrer eigenen Gier. Und wenn Sie der Reize, die Sie benötigen, satt sind, weil Sie wieder neue brauchen, werfen Sie das Subjekt Ihrer Begierde fort, wie Abfall. Doch dieser Abfall ist ein Mensch. Sie sind die leibhaftige Kälte in der Maskerade eines sensiblen Mannes. Wer aber ist Fabulas?

 


Jäckel



 

Jäckel hinter dem Haus auf dem Grundstück. Dahinter, bis zum Horizont, Ackerland.

Jäckel

Das ist ein dumpfer Morgen ist das. Es fällt der Regen wieder. Was soll das? Daß jeder Morgen so beginnt. Daß es nicht zu regnen aufhört. Daß er in mir fällt wie in einen leeren Kanister. Ich kann es nicht mehr hörn.  Schreit:  Hör auf!  Er hört.  Er macht mit mir, was er will. Ich weiß diesem Fremden nicht den Hals zu drehn, daß es knackt wie beim Huhn vor dem Kopf abhaun.  Schreit:  Hör zu trommeln auf!

Stimme Nachbarin

Was schreist du, Jäckel?

Jäckel

Ich bin das nicht.

Stimme Nachbarin

Aber deine Stimme.

Jäckel

Es sind die Ohrn.

Stimme Nachbarin

Jeden Morgen. Das kann nicht sein.

Jäckel

Es ist.

Stimme Nachbarin

Sowas ist nicht. Der Arzt hat deine Ohrn gesehn. Du bist heil. Steh jetzt auf oder leg dich schlafen. Du bist noch im Traum.

Jäckel

Dann haut ein Traum in mir umher. Schlaf ist vorbei und Wachsein ist zu laut dafür, um wach zu sein.  Schreit:  Ein Zustand ist das!

Stimme Nachbarin

Jetz halt dein Maul Jäckel und gib Ruh.

Jäckel zu seinem Bauch

Gib Ruh. Die Nachbarn trommeln auch. Zweimal, das halt ich nicht aus.  Schreit:  Jetzt halt den Regen an, Welt, damit die Tropfen mich nicht schlagen mehr!

Stimme Nachbarin

Jäckel, es ist ein klarer Himmel.

Jäckel

Dann ists gut?

Stimme Nachbarin

Bist wieder hier?

Jäckel zu seinem Bauch

Hörst du? - Wie er schweigt wieder, wenn andre reden. Der fühlt sich gut, wenn Menschen sind. - Ja, die Sonne.  Er ruft:  Es ist vorbei. Der Bauch ist keine Trommel mehr, hoff ich; und in den Ohrn ist Ruh.


kann sein kann nicht



 

Ein Raum zum Ersticken. Berge von Zeitungen. Wäsche in Regalen bis zur Zimmerdecke. Hoch- und breitgewachsene Pflanzen am Fenster, die kaum Licht in den Raum lassen. Eine Matratze links, mit Stapeln von Decken darauf. Der Fernseher zwischen Wäscheständer, Kartons und Fenster. Ein nach oben offener Kleiderschrank mit Handtüchern, die sich bis zur Decke türmen.
An einer Wand ein kleiner Fleck, ein Tintenfleck. Könnte jedenfalls sein; muss aber nicht.
Stille.
Zeit.
Eine Katze steigt auf einen der Zeitungsberge.
Stille.
Zeit.
In der hinteren rechten Ecke des Zimmers ein Türrahmen, von dem aus man in den Flur sehen kann. Es ist sehr dunkel im Flur, so dunkel, dass man den Eingang eines Tunnels vermuten könnte, wenn man nicht wüsste, dass es sich um eine Wohnung handelt. Lediglich die Wohnungstür, auf der rechten Seite des Flures, hinter dem Türrahmen, ist teilweise zu erkennen.
Geräusche am Türschloss der Wohnungstür.
Die Katze verschwindet, um nie wieder aufzutauchen.
Die Tür wird geöffnet und wieder geschlossen.
Ein Mann steht im Türrahmen zum Raum. Er sieht sich den Raum an.
Stille.
Der Mann verschwindet im Flur.
Zeit.
Der Mann taucht wieder auf. Er sieht sich den Raum genauer an. Mit großer Überwindung geht er über Zeitungs- und Wäscheberge zur Matratze. Er setzt sich mühsam auf den Stapel Decken. Er sitzt unbeweglich, hoch, unbeweglich hoch. 

Mann

Warum ich? Um diese Zeit?

Geräusche am Türschloss. Ein weiterer Mann taucht auf. Er sieht sich den Raum an. Er bemerkt den Mann nicht, steigt über die Berge und verschwindet im Schrank.
Stille.
Zeit.
Der Mann hat den Schrankmann nicht wahrgenommen. Er sitzt sehr hoch.

Mann

Um diese Zeit. Ich könnte längst im Bett liegen. Mit einem Buch über Geschichte. Oder einem Roman. Vielleicht auch bei einem Film, mit Chips und Likör. Ganz bei mir wäre ich dann. – Warum ich? Mit dieser Verantwortung ihn gekannt zu haben. Ich. Das verwirrt mich.

Kratzende, schabende Geräusche. Aus einem der Zeitungsberge taucht eine Frau auf. Sie sieht sich den Raum an. Sie bemerkt den Mann nicht. Diese-Frau geht zu einem Berg Zeitungen, greift hinein, liest, wirft weg, greift hinein, lacht, wirft weg, greift wieder hinein, wirft weg, rauft sich die Haare, greift hinein, wirft weg, weint, greift noch einmal in den Berg Zeitungen, liest, lacht. Der Berg implodiert und wirft eine Staubwolke auf.

Diese-Frau

Ich verstehe ihn. Das konnte nicht gut gehen. Er war wie ich. Es ist immer das Gleiche. Sie lacht, sie weint. Aber er hat sich nicht annehmen können, wollen, dürfen, mögen, müssen  – eventuell. Das war sein Fehler – vielleicht. Ich sehe ihn ganz klar vor mir: Er war ein Hindernis. Uh uh.  Sie rauft sich die Haare.  So einen Mann findet man nur einmal. Ich kenne keinen, der war wie er. Keinen. Wirklich keinen. Sie betet den Himmel an: Dass es ihm nur gut geht, ihm, der mich nicht wollte. Ihm! Ha ha. Hahha haha. Er! Wer war er schon! Er hat mir zugehört. Nie einen Ton gesagt. Gehört – geschwiegen – gehört. Ohne Verstand gehört. Ohne alles. Gerade er. Er – er, der mich als Einziger durchschaute. Durchschaute, haha. Da muss ich aber lachen. Sein Durchschauen war wie das Schweigen der Nacht – still und dunkel. Ich habe mich in ihm nicht zurechtgefunden. Und doch! Doch, doch. Mein Gefühl sagt mir: Er hat sich nicht angenommen. Aber wie er sich nicht traute sich anzunehmen, mit diesem ewigen Schweigen, das machte ihn einmalig – geheimnisvoll – das macht ihn… – ich kenne keinen, der war wie er.

Sie läuft in eine Wand und verschwindet.
Die Schranktür fliegt auf. Die Stimme Dieser-Frau spricht aus dem Schrank.

Diese-Frau

Er hatte keine schwerwiegenden Fehler. Er nicht. Dass es ihm nur gut geht. Er war ein guter Mensch. Dass es ihm nur gut geht. Dass er endlich zu schweigen aufhört, oder den Mund hält für immer. Und, dass ich ihn nicht verliere – ihn nicht verliere – verliere, verliere…

Die Schranktür knarrt.
Der Mann hat Diese-Frau nicht bemerkt.
Auf dem Schrank schiebt sich ein neues Handtuch unter die anderen. Der Handtuchturm bebt leicht dabei.
Stille.
Zeit.

Mann

Wie hat er gelebt? Langsam, schnell? Ich kenne ihn. Er war manchmal sehr schnell; er konnte sogar hektisch sein; aber andererseits war er auch sehr schwerfällig: Dann wirkte er, als kämpfe er um jeden Schritt, um jedes Stück Vorwärtskommen. Und dabei ist er so manches Mal hingefallen. Er ist nicht einzuordnen. Er hatte viel. Seiten hatte er, die kann ich jetzt aufschlagen – aber ich kann, kann sie nicht lesen. Es sind nicht meine Seiten. Er hatte zu viele. Ist nicht so einfach, einen anderen Menschen zu lesen. Er war in zu vielem verstrickt. Er konnte sich auch selbst wieder auf die Beine helfen. Manchmal konnte er es jedoch nicht. Kann auch sein, dass er sich klar sah, sich im Griff hatte. Kann alles sein. Ich kenne ihn zu gut. Deshalb ist er auch so schwer zu verstehen. Ich weiß noch, wie er mir einmal vor lauter Wut die Faust zeigte. Seine ganze Wut war in dieser Faust. Aber die Wut verging. Es dauerte zwar Tage; aber dann gab er mir wieder die Hand. Wer ist er? Er ist mir zu nah, als dass ich ihn einschätzen könnte. Mir fehlt der Abstand, um ihn zu sehen. Das ist alles.  Denkt nach:  Dann fehlt mir wirklich alles.  Erschrocken:  Dann fehlt mir alles! – Ich muss ihn doch wirklich einschätzen können. Alle fragen mich, wo er geblieben ist. Tag für Tag fragen mich das immer mehr Leute. Seitdem er fort ist, ist er zum Mysterium geworden. 

Stille.
Zeit.
Der Mann sitzt unbeweglich hoch.
Aus vielen Stimmen entwickelt sich allmählich eine sanfte Unruhe.

 

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Malte und Wega
 

 

Das gesamte Haus eine Verdrängung.
Ein Haus ohne Wände.
Das Dach schwebt über dem Raum.
Zwei Menschen.
Zwei.
Allein zwei.
Furchtsam, beglückt, betagt, ertragend und schleppend.
Diese zweimal zwei Beine.
Unglaublich, bedenkt man die Situation.

Wega

Gemeinsam, mit dir, ich – ich weiß nicht einmal, wie alles aussieht, ohne dich; wie alles auf mich wirken würde, wenn ich allein meinen Weg gegangen wäre. 

Malte

Ohne mich ist eben nicht.

Wega

Aber ich würde gerne wissen, wie es sich allein lebt.

Malte

Ist ganz einfach: Sieh dich um!

Wega

Umsehen!

Malte

Ja, schau dich um. Alles ist so, wie du es siehst.

Wega

Ich sehe aber nicht, was ich nicht sehen kann, vorausgesetzt ich würde sehen – ich meine, wenn ich dich nicht hätte, würde ich vielleicht etwas anderes sehen.

Malte

Zum Beispiel?

Wega

Eine schöne, grüne Landschaft.

Malte

Gibt es nicht.

Wega

Natürlich gibt es grüne Landschaften. Wir haben sie doch selbst gesehen.

Malte

Siehst du. Wir! Aber nicht du allein.

Wie aus dem Nichts. Solche Gespräche.
Aus der Ruhe, langsam.
Und doch immer schneller.
Bis nichts mehr übrig ist.
Kein Geräusch. Völlige Ruhe.
Sie machen das in ihrer Zeit.
Die Zeit, die ihre ist.
Von Tag zu Tag die gleiche.
Wieder und wieder.
So lange, bis es leise wird.
Sehr leise.
Niemand mehr da ist.
Nur dieses Haus.
Das langsam eingeschlafen ist.
Sehr langsam.
Und der Traum sich regt.
Der eine Sprache hat.
Die sagen kann: An das Dunkel – Ich kann mich an das Dunkel nicht gewöhnen.
Ruhig.
Nichts stört.
Zwei Menschen.
Zwei.
Allein zwei.
Unglaublich, bedenkt man die Situation.

 

 

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